Marie Matusz, Building A Coming Past, 2019
100 x 60 cm, aluminium raft, iron cables,  bichromatic fabric, ceramic, glass
Photo: David Aebi


Marie Matusz
Golden Hour

16. August bis 17. November 2019

Seit ich Marie Matusz kenne, bin ich fasziniert von der sprachlichen Eloquenz, mit der die Künstlerin Ideen formuliert, die in ihren erst noch zu schaffenden Werken anschaulich werden sollen. Zauberhaft ist ihre feine Handschrift, mit der sie die im Gespräch geäusserten Gedanken festzuhalten pflegt, Miniaturen, die jede noch so kleine Notiz wie ein Gedicht von ihr erscheinen lassen. Marie Matusz ist eine Künstlerin, die auch Begriffe wie bildhauerisches Material behandelt und dennoch zu einem künstlerischen Vorschlag finden kann, der völlig aus dem Stofflichen heraus entwickelt zu sein scheint. Ob der Gedanke am Anfang der Form oder die Form am Anfang des Gedankens stand, bleibt dabei offen. So beredt, konfrontativ, selbstbewusst und überzeugend die Künstlerin im Austausch über ihre Arbeit und in der Diskussion, gerade auch mit Künstlerinnen und Künstlern ihrer Generation ist, ihre visuellen Werke sind von rein anschaulicher Natur, Sprachlosigkeit umgibt sie.

Was die beiden französischen Schriftsteller Gilles Deleuze und Félix Guattari in Tausend Plateaus über das Buch sagen, dass es nämlich keinen Unterschied gäbe «zwischen dem, wovon ein Buch handelt, und der Art, in der es gemacht ist», gilt auch für Ausstellungen dieser jungen, in Toulouse geborenen Künstlerin. Sie bilden jeweils ein «Gefüge» (franz. «agencement»), haben kein Objekt und kein Subjekt. Lange dauerte es, bis ich realisierte, dass sich Matusz in ihren Ausstellungen weder für die Wand, noch den Boden oder die Decke interessiert, sondern für den Bereich, das Volumen dazwischen. Ihre in Aluminium ausgeführten plastischen Werke etwa hängen in ihren Ausstellungen gut sichtbar und deshalb, wie ich zunächst meinte, zu offensichtlich an dünnen Stahlseilen, die ihrerseits an einfachen Haken in der Decke verankert sind. Ihre Werke sind aber keine im Raum optisch stillstehenden Objekte wie sie in den 1960er-Jahren zuerst in New York zur Diskussion gestellt wurden, sondern äusserst fragile Gebilde, spezielle Gewebe beispielsweise und nicht belastbare, meist in Metall ausgeführte Träger, die eine Form von Zwischenraum erzeugen, Abwesenheit zeigen, Luftkörper veranschaulichen und eine absichtlich geschaffene Leere thematisieren, die das Denken stimulieren kann. Das ist in der zeitgenössischen Kunst eher ungewöhnlich, weil visuelle Evidenz keinen Wert an sich mehr darstellt und die Narration in den letzten Jahren wichtiger geworden ist als das ästhetische Argument. Ungewöhnlich auch deshalb, weil Matusz mit Sprache arbeitet, Texte für die Realisierung ihrer Arbeiten beizieht und ihr künstlerisches Schaffen im Kern auf Begriffen und der Frage nach deren Fassbarkeit und Abbildbarkeit aufbaut. 

In Amden stand der Künstlerin für ihre Intervention der gesamte, während Generationen für die Berglandwirtschaft genutzte, Wind und Wetter trotzende Weidgaden zur Verfügung, in dem seit 1999 Ausstellungen von Kunst der Gegenwart stattfinden, ohne dass das Haus dafür baulich angepasst worden wäre. Marie Matusz erarbeitete eine beide Stockwerke umfassende Installation zu Fragen der Widerstands- und Regenerationsfähigkeit von Lebewesen und Dingen, die vom Ausstellungsort selbst mit angeregt wurde, und die gesamte Situation im Blick hat. Wie schon bei früheren Ausstellungen thematisiert die Künstlerin dabei das Ausstellen selbst als schöpferischen Prozess. Ihre mehrteilige Intervention in dem aus Raum und Zeit gefallenen Ambiente, das seine eigentliche Bestimmung längst und dauerhaft verloren hat, nistet sich in die gegebene Struktur ein, ohne sich mit dem Gebäude und dessen Architektur zu verbinden oder seine ehemalige Funktion anzusprechen. Matusz behandelt das Haus wie eine Art begehbaren weltlichen Reliquienschrein, in dem das Aufbewahren selbst und der Transfer von Informationen sowie das Erinnern in Form plastischer Objekte vor Augen geführt wird. Das eigentliche Zentrum der Ausstellung bildet eine kleine Vitrine mit einem handschriftliche, offenen Brief. In diesem mehrseitigen Schriftstück werden tiefe Gefühle angesprochen, aufgerufen und verhandelt. Die durch das lyrische Ich zum Ausdruck gebrachten Emotionen rücken das Geschehen in die Gegenwart.

Roman Kurzmeyer


Neben der Ausstellung Golden Hour von Marie Matusz weiterhin zu sehen sind im Atelier Amden
Judith Clarks Installation Exhibiting Niklaus Manuel Deutsch: The Judgement of Paris II (2018),
Vaclav Pozareks Intervention quasi due buchi (2017) und eine Malerei von Adrian Schiess. 

Auf www.involuntaryworks.com zu besuchen ist Involuntary Work: Atelier Amden (2018) von Elizabeth Wright. 




Programm 2019

Der diesjährige Ausstellungszyklus beginnt am Sonntag, 9. Juni 2019, 14-17 Uhr. Karin Sanders Gebrauchsbilder, die seit 2014 in Amden ausgestellt sind und dabei die Patina des Ausstellungsortes angenommen haben, werden an jenem Sonntag zum letzten Mal zu sehen sein. Ab Herbst kann man den Gemälden in einer Ausstellung der ETH Zürich wieder begegnen. Wir verabschieden die Gemälde am 9. Juni mit einer Finissage. Bill Burns, der letztes Jahr in Amden die Performance The Salt, the Donkey, the Apple (2018) zeigte, stellt am 9. Juni seine neue Edition vor und zeigt Zeichnungen. Das zweite Datum, das Sie sich bitte schon vormerken wollen, ist Sonntag, 18. August 2019. An jenem Tag werden wir die Ausstellung von Marie Matusz eröffnen, über die Sie an dieser Stelle bald mehr erfahren werden.

Eine der Fragen, denen die Ausstellungen in Amden nachgehen, ist jene nach den skulpturalen Eigenschaften dieses einfachen, landwirtschaftlichen Zweckbaus, der seine eigentliche Bestimmung verloren hat und seit einigen Jahren durch die neue Verwendung als Auslöser ästhetischer Erfahrungen erlebt werden kann. Die letztjährige, immer noch zu sehende Intervention der Ausstellungsmacherin Judith Clark ist dafür beispielhaft. Die 2015 begonnene Neuausrichtung des Programms zeigt sich in der zeitlichen Ausdehnung und Verschränkung verschiedener Projekte. Letzten Herbst kam die britische Künstlerin Elizabeth Wright nach Amden, um die digitale Skulptur Involuntary Work: Atelier Amden (2018) vorzustellen. Es handelt sich um eine digitale Repräsentation des Gadens in Form bewegter Bilder, die Wright online stellte. Die Künstlerin arbeitete mit Digitalisaten, die sie im Jahr zuvor in Amden von Oberflächen des Ausstellungsgebäudes anfertigte. Mit dem Titel bezieht sich die Künstlerin auf die Sculptures involontaires, die der französischen Fotograf Brassaï in den 1930er-Jahren in der surrealistischen Zeitschrift Minotaure publizierte. Es handelt sich um Aufnahmen unscheinbarer, kleiner Dinge, über die Rosalind Krauss in Anspielung auf die Surrealisten gesagt hat, es handle sich um das automatische Schreiben der Welt.

Bitte besuchen Sie die Skulptur von Elizabeth Wright online unter www.involuntaryworks.com

Permanent zu sehen sind weiterhin auch die von Adrian Schiess bemalten Gläser eines der beiden Fenster des Weidgadens. Seine Arbeit ergänzt die auf Dauer angelegten früheren Interventionen von Judith Clark und Vaclav Pozarek. Zu quasi due buchi (2017) hat Pozarek ein Künstlerheft gleichen Titels gestaltet, das wir Ihnen auf Wunsch gerne zustellen.







Bill Burns mit dem Poster The Great Trading Project (2019)







Publikation zur Geschichte des Atelier Amden.
Atelier Amden 1999–2015

Anya Gallaccio, Katharina Grosse, Anselm Stalder, Pawel Althamer, Bruno Jakob, Sarah Rossiter, Elizabeth Wright, Eva-Christina Meier, Rita McBride, Christine Streuli, Adrian Schiess, Annelies Strba, Bill Burns, Mai-Thu Perret, Erik Steinbrecher, Karin Hueber, Giorgio Sadotti, Pamela Rosenkranz, Eran Schaerf, Katalin Deér, Polly Apfelbaum, Kaspar Müller, Brian O'Doherty, Shirana Shahbazi, Vanessa Safavi, Karin Sander

Edition Voldemeer Zürich / de Gruyter 2015
Das Buch liegt in einer deutschen und einer englischen Ausgabe vor und kann im Buchhandel bezogen werden.

«Eine aussergewöhnliche Konfrontation zeitgenössischer Kunst mit der Schweizer Berglandschaft, die zum Ort des sozialen Aufbruchs und des künstlerischen Experiments wurde.»
– Andreas Fanizadeh in: Taz. Die Tageszeitung, 22.12.2015



Edition von Shirana Shahbazi
Bei der Edition handelt es sich um Fotografien, die in der Ausstellung «Tageslicht» im Atelier Amden 2013 entstanden sind.



Shirana Shahbazi
Tageslicht, 2015
2-teilig, Ilfochrome, je 28 x 35 cm, Auflage: 9 + 3 ap
CHF 900.- (o. R.)
zu bestellen bei roman.kurzmeyer@bluewin.ch







Zugverbindungen ab Zürich: jeweils 12 Minuten und 43 Minuten nach der vollen Stunde, umsteigen in Ziegelbrücke. Bus ab Ziegelbrücke nach Amden bis Station Lehni. Ab Station Lehni ist der Wanderweg zur Ausstellung markiert.